Waschbär – die niedliche Gefahr

Ursprünglich stammt der Waschbär aus Nordamerika. In den 1930er-Jahren wurde er für die Pelzzucht nach Mitteleuropa gebracht und zum Teil als vermeintliche Bereicherung der Fauna sogar gezielt ausgewildert. Heute kommt er in mindestens 20 europäischen Ländern vor. Deutschland hat derzeit die größte Waschbärenpopulation außerhalb des heimischen Verbreitungsgebiets. Die meisten Tiere leben in Nord- und Mitteldeutschland. Mit Ausnahme der Höhenlagen der Alpen findet der Waschbär in ganz Deutschland geeignete Lebensbedingungen. Er bevorzugt strukturreiche Laubmischwälder mit nahgelegenen Gewässern. Die Bäume bieten ihm ideale Ruhe- und Aufzuchtplätze für seine Jungen. Als Kulturfolger lebt der Waschbär auch in der Stadt.

Anpassungsfähiges Multitalent

Waschbären sind Allesfresser und lassen sich sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrung schmecken. Auf dem Speiseplan stehen Wirbellose wie Schnecken und Würmer, Fische und Amphibien, aber auch Vögel, Kleinsäuger und Reptilien. In der Stadt bedienen sie sich gerne an Abfall und Essensresten von uns Menschen sowie an Tierfutter. Waschbären sind etwa so groß wie Katzen und äußerst geschickt und beweglich. Sie sind hervorragende Kletterer und Schwimmer. Mit ihren Pfoten können sie extrem gut tasten und finden ihre Nahrung so auch zwischen Wurzelwerk, in Schlamm oder Wasser. Sie räumen Vogelnistkästen aus und können sowohl Riegel als auch Katzenklappen oder Mülltonnendeckel problemlos öffnen.

Gar nicht wählerisch: Waschbären sind Allesfresser und ernähren sich sowohl von anderen Tieren als auch vegetarisch. (Foto: imageBROKER.com / Christian Hütter)

Bedrohung für die Artenvielfalt

Trotz seiner harmlosen Erscheinung ist der Waschbär eine Bedrohung für die heimische Artenvielfalt. Vor allem bereits zurückgehende Populationen von Amphibien leiden unter dem Einwanderer. Mit ihren Laichgewässern hat der Waschbär eine reichhaltige Nahrungsquelle für sich entdeckt. Dadurch dezimiert er lokale Frosch- und Krötenbestände stark. Diese zusätzliche Belastung trifft viele Amphibienarten besonders hart, da sie bereits durch zunehmende Trockenheit und schwindende Gewässer vom Aussterben bedroht sind. Auch die nur noch an wenigen Standorten vor allem im Nordosten Deutschlands vorkommende Europäische Sumpfschildkröte wird durch den Waschbären gefährdet: Er gräbt ihre Eier aus und frisst ihre Jungen, was den Schutz der letzten verbliebenen Tiere dieser Art extrem erschwert. Zusätzlich kann der nordamerikanische Kleinbär Gelege und Jungvögel von Boden-, Höhlen- und Baumbrütern erbeuten – ein Verlust, den insbesondere seltene Arten wie zum Beispiel der Schreiadler nicht ausgleichen können. In sensiblen Lebensräumen könnte der Waschbär dazu beitragen, dass bestimmte Arten lokal vollständig verschwinden. Weil er so anpassungsfähig ist und sich sehr erfolgreich fortpflanzt, wächst gleichzeitig sein Verbreitungsgebiet immer weiter – und damit auch die Bedrohung für heimische Arten.

Konflikte vermeiden

Auf naturschutzrelevanten Einzelflächen ist die Jagd ein wichtiges Instrument zur lokalen Reduktion des Prädationsdrucks durch den Waschbären, der auf der EU-Liste der invasiven gebietsfremden Arten steht. Sie sollte zum Einsatz kommen, um bedrohte heimische Tierarten zu schützen. Auch Lebendfallen – je nach Landesjagdgesetz verpflichtend mit Fallenmelder – können punktuell dazu beitragen, zum Beispiel Vogelnistplätze oder Laichgewässer zu schützen. Vor allem sollte aber der Schutz vorhandener Lebensräume im Vordergrund stehen, da eine vielfältige Natur die negativen Auswirkungen der Prädation durch den Waschbären verringern kann. Auch Privatpersonen können durch umsichtiges Verhalten dazu beitragen, Konflikte mit dem Waschbären zu vermeiden. Dazu gehören unter anderem die sichere Lagerung von Müll und Tierfutter sowie das Verschließen möglicher Einstiege in Gebäude.

Niedlicher Anblick: Manch einen wird es überraschen, dass von diesem putzigen Wildtier eine Gefahr ausgehen kann. (Foto: imageBROKER.com / Willi Rolfes)

Artenvielfalt bewahren

Mit seinem flauschigen Fell und dem putzigen Gesicht weckt der Waschbär vielfach Sympathie. In Deutschland ist er aber eine invasive Art, da er einheimische Wildtiere, Lebensgemeinschaften oder die Biodiversität ganz allgemein gefährdet. Zum Beutespektrum des geschickten und anpassungsfähigen Allesfressers gehören ohnehin in ihrem Bestand gefährdete Bodenbrüter wie das Rebhuhn, Amphibien wie der Laubfrosch oder Reptilien wie die Europäische Sumpfschildkröte. Darüber hinaus hat der Waschbär in Deutschland nicht viele Feinde. So verstärkt seine Ausbreitung den negativen Effekt, den der fortschreitende Lebensraumverlust auf die Artenvielfalt hat.

Die gemeinnützige Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich seit über 30 Jahren dafür ein, Lebensräume für die heimische Tierwelt zu bewahren und so die Artenvielfalt zu schützen. Regelmäßige Überprüfungen belegen den Erfolg unserer Maßnahmen. Daher gilt es, weiterzumachen und unsere Bemühungen sogar noch zu verstärken. Bitte unterstützen Sie mit Ihrer Spende dabei, durch unsere Projekte den einzigartigen Naturschatz Artenvielfalt zu bewahren.

Text: Deutsche Wildtier Stiftung

Titelfoto: In Teilen Deutschlands gibt es ihn schon sehr häufig, doch ursprünglich kommt der Waschbär (Procyon lotor) bei uns gar nicht vor. Er zählt zu den sogenannten Neozoen – also Tierarten, die sich mithilfe des Menschen verbreitet haben. (Foto: imageBROKER / Christian Hütter)

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